Marktprofil: Meistern Sie die 80%-Trading-Strategie & versteckte Magnete
In den ersten beiden Teilen haben wir ein solides Fundament gelegt. Sie wissen bereits, wie der Markt eine faire Preiszone (Value Area) schafft und wie die Art der Markteröffnung sowie die Initial Balance (IB) den Charakter des Handelstages definieren.
Heute werden wir dieses Puzzle vervollständigen. Wir werden uns die „unsichtbaren“ Fußabdrücke auf dem Chart ansehen, die verraten, wo der Markt noch unerledigte Geschäfte hinterlassen hat und wohin der Preis mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückkehren wird. Willkommen zum Finale unserer Serie, in dem Theorie zu konkreten Trading-Setups wird.
Marktanomalien: Wo der Markt „unerledigte Geschäfte“ hinterlassen hat
Der Markt ist in seinem Auktionsprozess nicht immer perfekt. Er hinterlässt oft Spuren, die uns sagen, dass eine Seite (Käufer oder Verkäufer) in einem bestimmten Moment gewaltsam gestoppt wurde oder dass der Preis eine bestimmte Zone ohne Interesse einfach durchflogen hat. Diese Anomalien wirken wie Magnete auf den Markt, und der Preis hat eine sehr starke Tendenz, im Laufe der Zeit zu ihnen zurückzukehren.
1. Unvollendete Auktion (Poor High / Poor Low)
Ein normales Profil sollte idealerweise an seinem oberen oder unteren Ende mit einem einzelnen TPO-Buchstaben enden, was darauf hindeutet, dass das Kauf- oder Verkaufsinteresse versiegt ist und somit das Hoch oder Tief des Marktes bildet.
- Anomalie: Wenn das Profil „abgeschnitten“ endet – das heißt, zwei oder mehr Halbstunden-Blöcke (TPOs) haben ein Hoch oder Tief auf exakt demselben Niveau, und diese Niveaus müssen ein absolutes Extrem bilden (Hoch oder Tief des Tages, der Woche, des Monats usw.) – nennt man dies eine unvollendete Auktion (Poor High/Poor Low).
- Bedeutung: Dies bedeutet, dass der Auktionsprozess nicht abgeschlossen wurde und der Markt dazu neigt, zu diesen Niveaus zurückzukehren, um die Auktion zu vollenden. Wenn Sie beispielsweise beim S&P 500 zwei bis drei solcher Auktionen sehen, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 70–80 %, dass der Markt sie innerhalb von 2 bis 3 Tagen erneut aufsucht.
2. Tails (Buying/Selling Tails) und Single Prints
- Tails (Dochte): Stellen Sie sich diese als lange „Dochte“ vor, die aus einer einzelnen Spalte von Buchstaben am obersten oder untersten Rand des Profils bestehen. Sie entstehen, wenn der Preis schlagartig ein neues Niveau erreicht, dort aber sofort auf massiven Widerstand stößt und zurückschnellt.
- Buying Tail (unten): Der Preis fiel, aber große Käufer drückten ihn sofort und aggressiv wieder nach oben. Dieser Bereich wird zu einer sehr starken Unterstützung für die Zukunft.
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- Selling Tail (oben): Der Preis stieg, aber die Verkäufer drückten ihn sofort wieder nach unten. Dieser Bereich wird als starker Widerstand (eine Decke) fungieren.
Grundregel: Je länger dieser Docht ist, desto entschiedener hat der Markt diesen Preis abgelehnt und desto stärker ist die Barriere, die für die Zukunft geschaffen wurde.
- Single Prints (Singly): Bereiche innerhalb des Profils, die nur einen Buchstaben breit sind. Aus Sicht der klassischen Price Action stellen diese Bereiche oft Fair Value Gaps (FVG) dar und dienen als starke Unterstützungen oder Widerstände. In der Zukunft wird der Markt diese Bereiche entweder schnell durchlaufen oder beginnen, sie allmählich mit Volumen zu „füllen“.
3. Ledge (Kante)
Tritt auf, wenn zwei oder mehr TPOs auf demselben Preisniveau innerhalb des Profils (nicht an den Rändern) enden. Je ausgeprägter diese Kante (Ledge) ist, also je mehr Buchstaben nebeneinander stehen, desto stärker ist die Unterstützung oder der Widerstand, den sie darstellt. Logischerweise folgt daraus, dass die größte „Kante“ im gesamten Profil im Grunde der POC (Point of Control) ist, also der Ort, an dem am längsten gehandelt wurde.
Marktmagneten aus der Perspektive des Volumenprofils
Im Marktprofil und dem integrierten Volumenprofil gibt es Punkte, die wie ein Magnet auf den Preis wirken. Profis nutzen diese Niveaus als Zielpunkte (Take Profit) oder Bereiche, in denen sie eine Reaktion erwarten.
- Untested VPOC: Der Punkt mit dem höchsten Handelsvolumen aus der Vergangenheit, den der Markt seit seiner Entstehung noch nicht wieder besucht hat, ist einer der stärksten Magneten.
- LVN (Low Volume Nodes): Zonen mit minimalem Volumen. Der Markt wird entweder scharf von ihnen abprallen oder sie als „Autobahn“ zum nächsten signifikanten Niveau nutzen.
- Value Area (VAH und VAL): Frühere faire Wertbereiche (meist vom Vortag, der Vorwoche oder dem Vormonat) dienen deren Grenzen als starke S/R-Zonen oder helfen bei der Bestimmung des Trends. Wenn der Markt beispielsweise über dem VAH des Vortages eröffnet, signalisiert dies einen bullischen Trend.
Das berühmte Setup der 80%-Regel
Nun zum Wesentlichen: Wie lassen sich diese Informationen in profitables Trading umsetzen? Basierend auf weithin bekannten Statistiken und der langjährigen Erfahrung von Profis gibt es bewährte Szenarien mit einer hohen Erfolgswahrscheinlichkeit.
Szenario: Die 80%-Regel (Rückkehr zur VA) ist eines der bekanntesten Setups, das von dem erfahrenen Trader Jim Dalton in seinem Klassiker Mind Over Markets populär gemacht wurde. In der klassischen Marktprofil-Theorie gilt es als eines der beliebtesten und statistisch robustesten Szenarien.
Hinweis: Die Value Area in dieser Regel bezieht sich primär auf das Marktprofil (TPO), aber viele Trader nutzen auch die Value Area des Volumenprofils.
- Long (Richtung VAH): Der Markt eröffnet unterhalb der unteren Grenze (VAL). Kehrt der Preis über den VAL zurück und kann sich dort für zwei aufeinanderfolgende TPO-Blöcke (d. h. 60 Minuten) halten, besteht eine 80%ige Wahrscheinlichkeit, dass der Markt die gesamte Value Area durchläuft und die obere Grenze (VAH) testet.
- Short (Richtung VAL): Der Markt eröffnet oberhalb der oberen Grenze (VAH). Fällt der Preis zurück unter den VAH und bleibt dort für zwei aufeinanderfolgende TPO-Blöcke (d. h. 60 Minuten), besteht eine 80%ige Wahrscheinlichkeit, dass der Markt den VAL erreicht.
Warnung: Auf dem Weg zum Ziel ist der POC immer das größte Hindernis und die erste Zone für Teilgewinne (TP1).
Fazit
Marktprofil ist kein „Heiliger Gral“, aber es ist eines der besten Werkzeuge, die Ihnen zur Verfügung stehen. Es zeichnet keine nacheilenden Indikatoren in Ihren Chart; stattdessen zeigt es Ihnen die echte Auktion und das Verhalten institutioneller Akteure in Echtzeit.
Indem Sie verstehen, wo der Markt einen fairen Wert (Fair Value) findet und wo er im Gegenzug Anomalien hinterlässt, erhalten Sie eine Landkarte, die die meisten Retail-Trader nicht sehen. Ihr Erfolg am Markt hängt nun von Ihrer Geduld ab, auf den richtigen Kontext zu warten.
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