Veröffentlicht 10 Stunden zurück in Trading Systems

Orderflow: Warum gewöhnliche Candlesticks nicht mehr ausreichen

Orderflow: Warum gewöhnliche Candlesticks nicht mehr ausreichen

Hören Sie für einen Moment auf, die Marktrichtung nur anhand von gewöhnlichen Candlesticks zu erraten. Standard-Kerzencharts (Candlestick-Charts) sind ein hervorragendes Werkzeug, haben aber einen großen Nachteil – sie zeigen nur, was bereits passiert ist. Sie verraten Ihnen nicht, wer zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kontrolle hatte oder wie viel Kraft es sie gekostet hat.

Wenn Sie im heutigen Markt einen echten Vorteil („Edge“) erlangen wollen, müssen Sie tiefer blicken. Orderflow und Footprint-Charts funktionieren im wahrsten Sinne des Wortes wie ein Röntgenblick. Sie ermöglichen es Ihnen, direkt in den Kern des Marktes zu schauen und den ständigen Kampf zwischen aggressiven und passiven Akteuren zu beobachten.

In diesem ersten Teil unserer dreiteiligen Serie erklären wir die Marktmechanik, wie man grundlegende Daten aus einem Footprint-Chart liest und wie man die Dominanz am Markt identifiziert.

Wie der Markt wirklich funktioniert: Market vs. Limit

Das Fundament für das Verständnis des Orderflows ist das Erfassen der Beziehung zwischen den Aufträgen. Jeder Trade am Markt erfordert zwei Seiten: einen Käufer und einen Verkäufer. Noch wichtiger ist jedoch, welche Art von Order diese Akteure verwenden.

Für das einfachste Verständnis nutzen wir eine vertraute, unkomplizierte Metapher: Stellen Sie sich vor, Limit-Orders sind das „Fleisch“ (Liquidität) und Market-Orders sind „hungrige Raubtiere“.

  • Market-Orders (hungrige Raubtiere/Aggressivität): Dies sind Trader, die sofort zum aktuellen Preis in den Markt einsteigen wollen. Sie sind die Hungrigen, die die verfügbare Liquidität verschlingen und dadurch den Preis bewegen.
  • Limit-Orders (Fleisch/Passivität): Dies sind Trader (oft große institutionelle Akteure und Market Maker), die an einem bestimmten Preisniveau warten und „das Fleisch bereitstellen“. Sie steigen nicht sofort ein, sondern warten, bis der Preis zu ihnen kommt. Diese Orders wirken wie eine Wand, an der der Preis abgebremst wird.

Wenn es zu viele aggressive (Market-)Orders gibt und sie alle Limit-Orders zu einem bestimmten Preis aufzehren, wandert der Preis auf das nächste Niveau, bis er weitere Limit-Orders (mehr Fleisch) findet.

Die Anatomie eines Footprint-Charts: Der Röntgenblick der Candlestick

Ein Footprint-Chart (manchmal als „FP“ abgekürzt) tut genau das, was sein Name vermuten lässt – er zeigt den Fußabdruck, den das Geld hinterlässt. Jede Kerze ist in Preisniveaus unterteilt, und auf jedem Niveau sehen wir zwei Zahlenkolonnen:

  • Links (rote Zahlen/Bid): Diese zeigen das Volumen der Market-Sell-Orders (die mit Limit-Käufern gematcht wurden).
  • Rechts (grüne Zahlen/Ask): Diese zeigen das Volumen der Market-Buy-Orders (die mit Limit-Verkäufern gematcht wurden).

Volumen und der POC der Kerze: Wo der größte Kampf stattfand

Neben der Aufteilung in Bid und Ask zeigt der Footprint auch das Gesamtvolumen (Handelsvolumen) auf jedem Preisniveau an. Dies ist einfach die Summe beider Seiten (Bid + Ask) bei einem bestimmten Preis.

Der Bereich, in dem das höchste Volumen innerhalb einer einzelnen Kerze gehandelt wurde, wird als Volume Point of Control (VPOC) der Kerze bezeichnet. Dieser Bereich wirkt wie ein lokaler Magnet oder eine Wand und wird im Footprint meist visuell hervorgehoben (z. B. durch eine farbige Box). Er zeigt den Preis an, an dem beide Seiten das größte Interesse hatten und an dem das meiste Geld den Besitzer wechselte.

Delta: Der Herzschlag des Marktes

Wenn Sie wissen wollen, wer den Kampf in einer bestimmten Kerze gewonnen hat, schauen Sie auf das Delta. Das Delta ist die Nettodifferenz zwischen dem Gesamtvolumen auf der Ask-Seite (aggressive Käufer) und dem Gesamtvolumen auf der Bid-Seite (aggressive Verkäufer).

Wenn das Delta +500 beträgt, bedeutet das, dass in dieser Kerze 500 Kontrakte mehr über aggressive Market-Buy-Orders gekauft wurden.

Zusätzlich zum finalen (Schluss-)Delta sind die während der Entstehung der Kerze erreichten Extreme für eine detailliertere Analyse von entscheidender Bedeutung:

  • Max Delta: Zeigt den höchsten positiven Wert des Kaufdrucks an, der in der Kerze vor ihrem Schluss verzeichnet wurde.
  • Min Delta: Zeigt den stärksten Wert des Verkaufsdrucks an (am tiefsten im negativen Bereich).

Diese Werte eignen sich hervorragend, um Fallen zu erkennen. Stellen Sie sich eine Kerze vor, die ein Max Delta von +1000 aufweist (brutale Käuferaggressivität), aber letztendlich mit einem Gesamt-Delta von -200 schließt. Was bedeutet das? Die Käufer haben versucht, den Preis nach oben zu treiben, und eine enorme Menge an Munition verbraucht, sind aber auf eine so gewaltige Wand von Limit-Verkäufern gestoßen, dass die Verkäufer letztendlich trotzdem die Kontrolle über die Kerze übernommen haben. Das ist eine Falle wie aus dem Lehrbuch und ein Zeichen von Erschöpfung!

Für eine breitere Perspektive auf den Markt wird dann das kumulierte Delta (die Summe der Deltas über einen bestimmten Zeitraum) herangezogen. Dieses veranschaulicht perfekt das allgemeine Sentiment (die Marktstimmung) und hilft oft dabei, Divergenzen zu erkennen – Situationen, in denen beispielsweise der Preis steigt, das kumulierte Delta jedoch bereits sinkt, was auf eine versteckte Erschöpfung der Käufer hindeutet.

Erste Signale aus dem Orderflow: Imbalance und Absorption

Auf den ersten Blick mag ein Footprint-Chart wie eine Ansammlung zufälliger Zahlen aus der Matrix aussehen, aber wenn Sie wissen, wonach Sie suchen müssen, werden Sie klare Muster erkennen. Die zwei grundlegendsten Konzepte, die die Marktrichtung bestätigen, sind Imbalance und Absorption.

1. Imbalance (Ungleichgewicht): Wenn eine Seite überwältigt wird

Wir sprechen von einer Imbalance (IMB), wenn eine Marktseite die absolute dominance über die andere hat. In der Trading-Software wird dies meist als Verhältnis eingestellt, beispielsweise 3:1.

In einem Footprint-Chart werden die Kurse (Bids und Asks) nicht in derselben Reihe nebeneinander verglichen, sondern diagonal. Warum? Wegen des Spreads. Ein aggressiver Käufer (Ask) kauft zu einem Preis, der einen „Tick“ schlechter ist als das aktuelle Bid. Wenn auf der Diagonale ein Bid mit einem Wert von 15 und ein Ask mit einem Wert von 58 steht (58 / 15 = 3,8), bedeutet dies eine erdrückende Dominanz der Käufer. Im Footprint wird diese Zahl farbig (z. B. in Grün) markiert, und wir können den aggressiven Kaufdruck deutlich sehen.

2. Absorption: Das Anrennen gegen eine Steinmauer

Dies ist eines der beliebtesten Muster bei erfahrenen Tradern. Absorption (ABS) tritt auf, wenn Sie massive Zahlen an aggressiven Market-Orders sehen, der Preis sich jedoch nicht weiterbewegt.

Ein Beispiel: Der Markt fällt, und ganz unten an der Kerze (am Tief) sehen Sie eine riesige rote Zahl (Market Sell). Diese Verkäufer sind extrem aggressiv; sie wollen den Preis nach unten drücken… aber der Preis fällt nicht. Warum? Weil sie auf eine massive Wand aus passiven (Limit-Buy-)Orders großer Institutionen gestoßen sind, die diesen Verkaufsdruck einfach „eingeschluckt“ – absorbiert – haben.

Wenn wir sehen, dass massive Orders auf diese Weise an lokalen Minima oder Maxima absorbiert werden, ist das der erste und ein außerordentlich starker Indikator für eine bevorstehende Trendwende.

Fazit und Ausblick auf das nächste Mal

Heute haben wir erklärt, dass Candlesticks nur die Oberfläche sind. Darunter liegt der Orderflow, wo aggressive Trader auf passive treffen. Wir haben gezeigt, wie Imbalance (Machtdominanz) und Absorption (das Anrennen gegen eine Wand) auf einem Footprint-Chart aussehen.

Im zweiten Teil dieser Serie werden wir noch tiefer in die mikroskopische Ebene von Footprint-Charts eintauchen. Wir zeigen Ihnen, wie der Orderflow Formationen wie den Pinbar oder Inside Bar entlarvt, erklären die Formation der „Mikrofalle“ (Retail-Falle) und untersuchen, wie sich unerfahrene Trader an den absoluten Hochs und Tiefs im Gegensatz zu versteckten institutionellen Akteuren verhalten.

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